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Mittwoch, 18. März 2015
Moin moin, eigentlich sollte hier das erste Video auftauchen. Ich bin aber im Moment dermaßen erkältet, dass ich kaum sprechen kann und wir uns erstmal mit Text begnügen müssen.
Schön, dass ihr den Weg auf diese Seite gefunden habt!
Ich sitze gerade in meinem Zwischenmietzimmer in Berlin Moabit und blicke durch ziemlich staubige Fenster auf die stark befahrene Kreuzung, über der sich unsere WG befindet. Gegenüber am Eck ist ein türkischer Supermarkt mit der frischem Obst und Gemüse, in Körben direkt auf dem Gehweg gelagert. Die ganze Szene hat ein bisschen etwas von einem Basar (direkt nebendran ist die obligatorische Dönerbude) und dass ich nebenher mit Kopfhörern "O crux" von Nysted höre passt eigentlich gar nicht in's Bild.
Ein bisschen so fühle ich mich generell in Berlin. Aus Mainz kam ich als Gitarrenlehrer, halbherziger Musikwissenschaftsstudent mit abgeschlossenem Physikbachelor und vor allem als angehender Countertenor hierher. Meine Pläne für die klassische Musik habe ich aber erst einmal an den Nagel gehängt. Ich bin sehr freiheitsliebend und konnte mir nicht vorstellen, an einer Musikhochschule zu studieren, wo ich auf eine Art zum Spielball sich profilierender Dozenten geworden wäre. Natürlich ist das nur die Kehrseite der Medaille, des Privilegs, eine hochklassige Musikausbildung vom Staat finanziert zu bekommen. Jetzt, da ich dem Plan abgeschworen habe, scheint er mir plötzlich wieder sehr verführerisch...
Im Moment bin ich im Start-up Secret Escapes als Praktikant tätig. Meine Idee dahinter ist es, so viel wie möglich über Unternehmertum zu lernen und im Anschluss selbst zu gründen. Mir fallen viele Möglichkeiten ein, wie ich auf diese Art Musik vermitteln kann, ohne im herkömmlichen Sinne Musiklehrer oder Konzertmusiker zu sein. Davon werde ich bestimmt noch mehr erzählen. Jedenfalls lebe ich jetzt seit einem Monat in der Hauptstadt und fühle mich wie ein Paradisvogel, der aus seiner Seifenblase in die Realität ausbricht. Vorher hatte ich zwei tolle kleine Jobs, die mich begeisterten und habe ansonsten sehr viel Zeit und Geld in meine Gesangsausbildung investiert. Das vage Gefühl, dass ich auf der Stelle trete, hat mich über die Zeit unzufrieden werden lassen.
Unzufrieden? Rückblickend war ich so froh wie nie zuvor in meinem Leben. Ich hatte viel freie Zeit und die Inspiration, wie ich sie nutzen sollte. Ich hatte Menschen, die meine Vorhaben förderten, und vor allem eine Menge Freunde. Gerade diese unglaubliche Herzlichkeit, wie ich sie beispielsweise in meinem Chor an der Uni Mainz erlebt habe, fehlt mir hier. Und die Begeisterung, mit der ich mir immer neue Projekte ausgedacht habe, scheint doch deutlich zu leiden unter der vielen Arbeitszeit am PC in meinem Praktikum. Abends bin ich müder, als ich es im letzten Jahr jemals war und morgens brauche ich die Zeit und den wieder klaren Kopf, um meine formalen Angelegenheiten zu regeln. Wo es geht, suche ich sozialen Anschluss, aber trotzdem kommt es mir so vor, als hätte ich nicht nur mein Eigentum, sondern mein gesamtes Leben in Mainz zurückgelassen. Ein Faktor, den ich nicht mit eingeplant hatte.
Im Endeffekt zeigt es mir, dass ich vor allem eins brauche: Geduld. Was mir in meinem "alten Leben" schon gefehlt oder woran es mir zumindest gemangelt hat, war die Fähigkeit, auf die eigenen Handlungen so lange zu vertrauen, bis sich alles nach meinen Vorstellungen entwickelt. Oder aber ich hatte zurecht die Vorahnung, dass es in einer derart pulsierenden Stadt wie Berlin sehr viel schneller möglich ist, meine Visionen zu verwirklichen. Wie dem auch sei, aller Anfang ist schwer und in einer fremden Stadt anzukommen, braucht seine Zeit. Das Schreiben gibt mir immer wieder meinen Optimismus zurück und ist wie ein Talisman, den ich hierher mitgenommen habe.
Wie auch schon bei meinen Gegenständen, merke ich jetzt bei den persönlichen Beziehungen erst in ihrer Abwesenheit, wie wertvoll sie wirklich sind. Passend dazu fiel mir heute früh die Karte in die Hände, die mir von Freunden aus dem Unichor geschenkt wurde:
"Es sind die Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen."
Wenn das die erste Lektion ist, die ich durch mein Selbstexperiment lernen muss, so ist sie an Wahrheit kaum zu übertreffen. Ich bin dankbar, dass ich diese Erfahrung machen darf und hoffe, auch hier wieder tolle Menschen kennenzulernen und eine so starke Verbundenheit zu fühlen.
